Frauen machen die bessere Politik
„Typisch Frau, typisch Mann“: LR Karin Scheele geht den Rollenbildern in der Politik auf den Grund.
BEZIRKSBLÄTTER: Wie präsent sind Rollenbilder und Stereotype in der Politik? Ist es nicht so, dass Frauen, wenn Sie in die Politik gehen, noch immer in soziale Ressorts wie Soziales, Familie, Unterricht etc. gedrängt werden? Woran liegt das? Traut man Frauen nichts anderes zu?
SCHEELE: Politik ist kein von der übrigen Gesellschaft abgegrenzter Bereich. Traditionelle Rollenbilder, überholte Klischees und Stereotype lassen sich genauso im politischen Bereich festmachen. In vielen Köpfen herrscht noch immer die Vorstellung von Geschlechterbeziehung, in der die Frau für das Private und die Emotionalität, also Haushalt, Kinder und Pflege, hingegen der Mann für das öffentliche Leben in Wirtschaft und Politik zuständig sei. In jenen politischen Ebenen, in der es bereits eine „kritische Masse“ an Frauen gibt, also auf Bundes- und teilweise auch auf Landesebene, lösen sich die Zuteilungen zu sogenannten „weichen Ressorts“ langsam auf. In der österreichischen Bundesregierung haben wir derzeit etwa Bundesministerinnen für die Bereiche Finanzen, Inneres und Infrastruktur, hingegen sind die Ressorts Soziales und Gesundheit von Männern besetzt. Auf regionaler und kommunaler Ebene, wo der demokratiepolitische Druck nicht so groß ist, haben wir aber ein Problem. Hier kommt es nur sehr zögerlich zu einer frauenpolitischen Öffnung und wenn, dann meist mit stereotyper Besetzung.
Warum findet man so wenige Frauen in der Politik? Gerade auf kommunaler Ebene sind Politikerinnen Mangelware. Was halten Sie von einer Frauenquote in der Politik?
Die Gründe hierfür liegen im his-torischen Ausschluss der Frauen aus der institutionellen Politik und der Verwaltung sowie den immer noch vorherrschenden männerzentrierten Strukturen. Es gibt Wirtschaftsstudien, die belegen, dass Unternehmen mit Frauen in Führungspositionen schlichtweg erfolgreicher sind. Österreich könnte 30 Prozent mehr Wirtschaftswachstum haben, wären die Geschlechter am Arbeitsmarkt gleichgestellt. Das würde ich auch auf die Politik umlegen. Ja, die Politik würde mit mehr Frauenanteil anders und besser werden und nicht nur weil damit die Frauen, schließlich mehr als die Hälfte der Bevölkerung, gleichberechtigt repräsentiert werden würden. Die selbst auferlegten Quoten einiger Parteien tragen bereits Früchte, auch wenn sie nicht immer hundertprozentig eingehalten werden. Ich weiß, dass es große Anstrengungen um parteiinterne Rekrutierungs- und Selektionsprozesse gibt. Sollte das nicht die gewünschten Erfolge bringen oder zu lange dauern bin ich auch für eine verpflichtende Quote offen.
Mehr Frauen heißt aber nicht unbedingt fortschrittlichere Frauenpolitik, oder?
Viele Beispiele zeigen uns, dass Einzelbesetzungen nicht viel zu einer fortschrittlicheren Frauenpolitik beitragen, ab einer gewissen Frauenstärke aber sehr wohl Bewegung aufkommt. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird überwiegend als Frauenproblem gesehen und Geschlechter-ungleichheit ist ein Thema um das sich gefälligst die Frauen zu kümmern haben. Es ist aber ein demokratiepolitisches Problem, das wir alle zu lösen haben. Das Recht auf ganztägige Kinderbetreuung ist ein wichtiger, aber nicht der einzige Lösungsansatz.
Gerade die Jugend denkt in traditionellen Rollenbildern. Wie können bestehende Rollenbilder und Stereotype aufgebrochen werden?
Ja, seit einigen Jahren beobachten wir die Zunahme traditioneller Rollenbilder. Das liegt meines Erachtens einerseits an der europaweiten Erstarkung der Rechtsparteien mit ihren männerbündischen Strukturen, aber auch an den nationalen politischen Schwerpunkten unter Schwarz-Blau. Der Fokus wurde in dieser Zeit sehr stark auf den Bereich Familie, Kinder und Generationen gelegt, ohne die Geschlechterrollen zu thematisieren. Seit Ministerin Heinisch-Hosek ist wieder Bewegung ins Spiel gekommen. Einiges konnte bereits umgesetzt werden. Vor allem sind öffentliche Partizipation und Chancengleichheit von Frauen in der Wirtschaft wieder verstärkt zum Thema geworden. Wie schon erwähnt muss es bessere Rahmenbedingungen wie Ganztagsschule und ganztägige Kinderbetreuung geben. Bei der Vereinbarkeitspolitik müssen auch die Väter in die Verantwortung genommen werden. Politische und wirtschaftliche Postenbesetzungen müssen besser nachvollziehbar und die Gehälter in Betrieben offengelegt werden. Gegen „Männerseilschaften“ helfen vor allem Transparenz und klare Strukturen. Ich würde mir auch wünschen, dass Politik, Verwaltung und Wirtschaft durchlässiger werden, das Einschienensystem kommt vor allem Männern zugute. Auch wäre eine bessere Durchmischung einzelner Berufsgruppen ein wichtiger Ansatz zur Gleichbehandlung. Wir müssen junge Frauen ermutigen, sich für eine technische oder naturwissenschaftliche Ausbildung zu motivieren. Auch in der Politik sollen sich Frauen die Macht zutrauen, viele Männer sitzen nicht auf ihren Sesseln weil sie besser sind, sonder weil sie Männer sind.
Frauentag zum Thema „Typisch Frau, typisch Mann“
Donnerstag, 8. März 2012; 16.00 bis 20.00 Uhr; Stadtmuseum Wiener Neustadt (Petersgasse 2, 2700 Wiener Neustadt), freier Eintritt.
Programm:
16.00 Uhr: Impulsreferat, Podiumsdiskussion über Rollenbilder und Stereotypen
17.30 Uhr: Buffet
18.30 Uhr: Kabarettabend „Dirty Thirty – Hilfe ich bin 30!“ mit Elli Colditz
20.00 Uhr: Ausklang
Weitere Infos zur Veranstaltung bzw. zu Frauenfragen: DSA Claudia Auer-Deutsch, Frauenbeauftragte des Magistrates; 02622/373-720; claudia.auer-deutsch@wiener-neustadt.at.
