Lernen mit Gebärdensprache

Karin Lang vermittelt im Spiel das mathematische Erfassen von Formen. Julius, Marvin und Jannis setzen konzentriert ihre Eckpunkte.
 
Julius, Marvin, Jannis, und Valentina entdecken mit Assistentin Fatemeh die Grundbegriffe der Geometrie.

In der Gussenbauergasse gibt es den einzigen Kindergarten der MA 10 für gehörlose Kinder

Die Gebärdensprache ist erst seit wenigen Jahren in Österreich als eigene Sprache anerkannt. In ihrer Urform begleitet sie uns aber von Geburt an. Und manchen eröffnet sie die einzige Möglichkeit, mit der Welt in Kontakt zu treten – nämlich den gehörlosen Kindern.

In der Gussenbauergasse 5-7 am Alsergrund befindet sich die erste und einzige Einrichtung der MA 10, die auf die besonderen Bedürfnisse von hörbeeinträchtigten Kindern ausgerichtet ist: ein zweisprachiger Kindergarten, in dem in zwei Gruppen jeweils sechs bis sieben gehörlose oder gehörbeeinträchtigte gemeinsam mit hörenden Kindern betreut werden.
Verständigungsprobleme gibt es keine, nur gut gelaunten Kindergartenalltag. Und das, obwohl hier Kinder verschiedenster sozialer Schichten und Nationalitäten zusammenkommen. Es gibt aber keinen Zwang, sich der Gebärdensprache ständig zu bedienen. Sie ist einfach täglicher, spielerischer Bestandteil des Lernens und miteinander Umgehens.

Beide Sprachen verwendet
Wie in anderen bilingualen Einrichtungen, wird von den Kindern auch hier einmal diese, einmal die andere Sprache bevorzugt. Das sei ganz normal, betonen Kindergartenleiterin Gabriele Koppensteiner und Alexandra Moudry, diplomierte Sonderkindergartenpädagogin, die als ganz große Koryphäe in diesem Fach gilt. Gemeinsam mit dem gesamten Kindergartenteam investieren sie viel Zeit, Energie und, man spürt das deutlich, auch viel Herzblut in diese einzigartige Institution.

Muttersprache „Gebärde“
„Native speakers“ gibt es auch in der Gebärdensprache. Karin Lang ist so eine „native signerin“, sie ist die erste und einzige schwer gehörbeeinträchtigte Kindergartenpädagogin Österreichs und gibt hier ihre Erfahrung aus erster Hand an die Kinder weiter. Sie selbst ist zweisprachig aufgewachsen, die Gebärde ist quasi ihre Muttersprache.
„Das ist enorm wichtig, denn obwohl wir alle Gebärdensprachkurse besuchen, stehen wir mit unserem Können in schwierigen emotionalen Situationen an. Dann kann nur noch die Muttersprache und Eigenerfahrung, etwa bei Schmerz, Wut oder Trauer, zu den Kindern durchdringen. Und umgekehrt. Das kann man nicht erlernen“, erklärt Gabriele Koppensteiner. „Man bräuchte mehr Pädagogen mit der Gebärdensprache als Muttersprache, doch hier hapert es an den starren Richtlinien in der Ausbildung, wie dem Singen und Musizieren“, betont Alexandra Moudry. Gehörlose können damit nichts anfangen, das dürfe diesen Menschen aber nicht die Ausbildung zu Pädagogen verwehren.

Team mit gehöriger Portion Liebe
Dass alle neun im Team mit viel Liebe dabei sind, sei selbstverständlich. Darunter auch Janina, die gehörlose Assistentin. Und seit September ist Joé Back, ein junger Pädagoge aus Luxemburg, fix dabei. Er studiert in seiner Freizeit Gebärdensprache.
Viele der Bücher und andere Lernspiele wurden von den Pädagogen hier entwickelt, gebastelt oder gezeichnet, weil es nichts Passendes gibt. Denn die Gebärdensprache ist hoch komplex und keineswegs weltweit dieselbe. Es gibt sogar große Unterschiede zwischen
Österreich und Deutschland.

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