„Systemfehler Mobbing“

Dreieinhalb Jahre hat es gedauert bis das Buch von Günther Hotter fertig war.
 
Der schrecklichste Teil des Buches, sei die Chronik des Schreckens, laut Hotter.

Wegen seines Buches stand Günther Hotter vor Gericht. Man hatte Angst, die Geschichte wird zur Realität.

FÜGEN (bs). „Rückkehr ins Kinderseelen KZ“ lautet der Titel des umstrittenen Buches. Nein, darin geht es nicht um die Zeit des Zweiten Weltkrieges, sondern um die Qualen und dramatischen Konsequenzen, die Mobbing-Opfer erleiden. Die fiktive Geschichte rund um die Figur Konrad Gussler betrachtet die Welt aus den Augen eines Opfers, der zum Amokläufer wird und sich nach dem Blutmassaker selbst richtet. Eine schonungslose, erschreckende Geschichte, die grauenhafte Momente fast real erscheinen lässt. Eine Lektüre, die selbst gesottenen Lesern auf den Magen schlägt.

Bezirksblätter: Wie kann man dieses Buch schreiben, wenn man die Qualen nicht am eigenen Leib erfahren hat?
HOTTer:
Als Autor muss ich eine Drama-Queen sein und es ist natürlich auch so, dass ich mich in meiner Jugend mit extremer Literatur, mit extremen Filmen, Comics und Musik beschäftigte. Ich bin grundsätzlich der Auffassung, dass wenn man so etwas schon nicht selbst erlebt hat und sich Autor schimpft, muss man dazu in der Lage sein, das Fiktive so real zu schildern wie es einem intellektuell und handwerklich nur möglich ist. Wenn ich etwas tue, dann tue ich es gründlich. Deshalb tausche ich mich regelmäßig mit Mobbing-Opfern und deren Eltern aus.

Gibt es zwischen den Leben von Konrad Gussler und Ihrem Parellelen?
Was die ganzen Gedankengänge von Konrad G. angeht definitiv nicht. Es spielen insofern biografische Elemente hinein, weil ich in meiner Schulzeit selbst von zwei Problemen betroffen war, die Konrad ebenso peinigen: Augenschmerzen unter Neonlicht und Stottern. Acht von 10 Sätzen habe ich ohne zu stocken nicht über die Lippen gebracht. Alles weitere ist nur fiktiv. Respektive die Handlungsweise von Konrad G. sind zum Teil adaptiert von echten Schulamokläufern.

Sehen Sie in dem Buch einen Dienst an die Gesellschaft?
Naja, ich selbst darf mir das nicht an die Fahnen heften, weil das immer von den Reaktionen der Leser abhängt. Wenn es darum geht, was ich alles an E-Mails, Statements und Feedback bekommen habe, dann kann ich das eindeutig bejahen. Es soll wachrütteln.

Warum schickten Sie das Buch an Ihre ehemalige Lehrerin?
Ich war der Meinung, eine Lehrperson sollte einmal mit dem Stoff konfrontiert werden. Den einzigen mutmaßlichen Hintergrund den ich dabei hatte war, dass ich ihre Adresse hatte. Aus heutiger Sicht war die anonyme Versendung ein schwerer Fehler. Ich wollte ein Umdenken auslösen und keine Panik. Hätte ich gewusst welche Kreise das nimmt, hätte ich das alles gelassen.

Welche Resonanz haben Sie von der heimischen Bevölkerung erfahren?
Ob lokal, national oder international überwältigende Resonanzen. Die bedeutungsvollste war für mich als ich aus dem Postamt in Zell herauskam und ein Mann auf mich zukam. Er fragte, ob ich derjenige sei, der kürzlich wegen dem Buch vor Gericht stand. Ich dachte schon, jetzt würde was kommen, aber ganz im Gegenteil. Wir gingen auf einen Kaffee und er erzählte mir, dass er jetzt Mitte 40 sei und während seiner Schulzeit grauenvollst gemobbt wurde. 30 Jahre lang hat er darauf gewartet, dass einer ein solches Buch schreibt, einer sich traut zu schreiben, was Sache ist.

Könnten die Vorfälle im Endtgau im Zessextal real werden?
Das kann niemand sagen. Das Gewaltproblem gibt es an den Schulen, genügend Zillertaler schildern mir immer wieder davon. Was man auch dazu sagen muss ist, dass Österreich noch nie einen Amoklauf hatte. Jedoch bei Messerattacken legen wir eine Spitzenposition ein.

Ist Mobbing bzw. Bullying für Sie ein Fehler im System?
Mobbing ist definitiv ein Systemfehler. Was ist denn in der Schule wichtig? Wichtig ist, dass der konventionelle Schulablauf erhalten wird. Lehrer sind selbst in einer Zwangslage. Sie haben strikte Vorschriften vom Staat, welche und wie viele Themen sie im Jahr durchnehmen müssen. Sie können nicht direkt individuell auf die Problemfälle von gemobbten Schülern eingehen. Deshalb gefallen mir die radikal demokratischen Schulen, die Sudbury Schulen, so gut. Dort erstellen Schüler gemeinsam mit Lehrern ihren Lehrplan. Es wird viel Wert auf ein friedliches Klima gelegt. Diese Schulformen weden in den nächsten Jahren einen Hype erleben. Die Neue Mittelschule in Österreich ist nur Systemkosmetik. Bis ein revolutionäres funktionierendes Konzept kommt wird es noch lange dauern.


>> Zur Sache:
Im April 2010 erschien das Buch „Rückkehr ins Kinderseelen KZ“ im Tologo Verlag unter dem Pseudonym Frieda Norka. Ein Jahr später schickte Günther Hotter den Roman anonym an eine ehemalige Lehrerin im Zillertal, die daraufhin Anzeige erstattete. Im August 2011 wird Hotter‘s Wohnung in einem Zillertaler Dorf durchsucht, er wird verhaftet und in Handschellen als Verdächtiger nach Linz zur psychiatrischen Gutachterin gebracht, denn für die Kriminalpsychologen des Innenministeriums sind Romanfigur und Autor identische Persönlichkeiten. Bei der Gerichtsverhandlung Wochen später wurde er freigesprochen, da die Psychologin in ihm kein Gefahrenpotenzial erkannte.

Filmproduzenten und Regisseure wollen den Roman verfilmen. Derzeit laufen die Gespräche.

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1 Kommentar zum Beitrag
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Alexandra Salvenmoser aus Kirchbichl am 22.02.2012 um 15:59 Uhr  
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