Politische Kunst und künstlerische Politik: „Zeit zu Handeln“

Krems an der Donau: Kunsthalle | Die aktuelle Ausstellung in der Steiner Kunsthalle steht unter dem Motto „Zeit zu Handeln“- ein Motto, dass in vielerlei Hinsicht in unsere krisengeplagte, zukunftspessimistische Zeit passt. Zentral geht es um Politik und Gesellschaft, die Kritik daran und darum, dass Kunst nicht neutral sein, sondern sich einmischen soll.

Eine digitale Anzeige an der Wand. Sie sieht aus wie eine Digitaluhr, doch sie hat 20 Ziffern und sie rast wie ein Countdown dem 0-Punkt entgegen. Nach einiger Betrachtung bin ich immer noch irritiert und frage mich, was diese „Uhr“ anzeigt. Beim näheren Herantreten entdecke ich ein kleines Schildchen an der Wand, das für Aufklärung sorgt: Sie zählt die Zeit, die noch verbleibt bis die Sonne ihren „Tod“ erlebt und explodiert: Es sind immerhin noch rund 5 Milliarden Jahre. Der Italiener Gianni Motti thematisiert mit seinem 1999 erschienenen Werk, das er „Big Crunch Clock“ (dt. „Großer-Knall-Uhr“) nennt, den Umgang des Menschen mit dem Rohstoff „Sonnenenergie“. Ironischerweise ist diese Arbeit für den Außenraum konstruiert und sollte mit Sonnenenergie betrieben werden, verrät mir der 18-seitige Ausstellungs-Guide. Kurz darauf höre ich eine Stimme, die mir allzu bekannt vorkommt. Sie kommt von einem Bildschirm gegenüber der „Big Crunch Clock“. Es handelt sich um die Stimme des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush jun., der uns in Christoph Büchels siebenminütigen Video „An oval office tour with President Bush“ durch seinen Arbeitsplatz- das Oval office im Weißen Haus- führt.

Es sind die ersten Kunstwerke, die einem in der seit 27.11.2011 und bis 19.2.2012 stattfindenden Ausstellung Kremser Kunsthalle, mit dem Titel „Zeit zu Handeln“, ins Auge stechen. Diese Ausstellung präsentiert Werke aus dem- 1996 ins Leben gerufenen- Zürcher „Migros Museum“ für Gegenwartskunst. Gezeigt werden dort Arbeiten von 46 international bekannten KünstlerInnen und Künstlern, die sich- jeder auf unterschiedliche Art und Weise- mit problematischen Themen unserer Zeit und der jüngsten Vergangenheit auseinandersetzen. Die Werke sind im Zeitraum zwischen den späten 1960er Jahren und heute entstanden. Daher stehen vor allem die brennenden Fragen und Konflikte dieses Zeitabschnittes in deren Mittelpunkt: Rassistische und sexuelle Unterdrückung, Krieg (vor dem Hintergrund des Ost-West-Konfliktes), Ausbeutung, mangelnde Geschichtsaufarbeitung der vorangegangenen Generationen und vieles mehr. Die Ausstellung ist darüber hinaus thematisch in sechs Teile gegliedert: Ressourcen, Weltbild, Politik, Reaktion, Künstlerselbstbild und Innenschau.

Ausbeutung, Krieg und Raubtierkapitalismus

Neben dem Display, der George W. Bush zeigt, ist eine etwa drei Meter hohe Imitation eines Ölbohrturms zu bestaunen. Konstruiert von der in New York lebenden deutschen Künstlerin Josephine Meckseper, ist er ein Wahrzeichen der US-amerikanischen Wirtschaft. Das Objekt steht in Verbindung mit der Person George W. Bushs. Neben ihrer Kritik an der US-Konsumgesellschaft, bringt Meckseper damit auch ihre Ablehnung gegen die – im Wesentlichen von George W. Bush jun. Mitgetragenen-„Ölkriege“ im Irak zum Ausdruck. Eine Gesellschaft, die im hohen Maße Waren verbraucht, benötigt Unmengen an Erdöl. Die USA- so die kritischen Beobachter- überfallen ölreiche Staaten- wie dem Irak-, um sich deren Ölreserven zu sichern. Überfallen- wie ein Raubtier. Das Bild „Tiger“, gemalt von Piotr Uklanski scheint genau das auszudrücken. Es zeigt den Kopf eines Tigers, in den jedoch Elemente eines menschlichen Gesichtes eingearbeitet sind. Es ist also ein „menschliches Raubtier“ oder: „Raubtier Mensch“. Es liegt die Interpretation nahe, dass Uklanski den Mensch immer mehr zum rücksichtslosen, asozialen Raubtier verkommen sieht. Man merkt, wie die einzelnen Kunststücke in ihrer Botschaft miteinander verbunden sind.

Doch nicht nur die US- Machtpolitik bekommt ihr Fett weg: Der Italiener Alighier Boetti veranschaulicht in seinem 1983 erschienenen Werk „Mappa“ (dt. Karte) die geopolitischen Machtverhältnisse. Er zeigt die Weltkarte, die nach den jeweils dazugehörenden Nationalflaggen eingefärbt ist. Auf dem zweiten Blick fällt einem ein Schriftzug über der „Mappa“ auf: „Kabul Afghanistan“ steht dort geschrieben. Tatsächlich ist Afghanistan auf der Karte nicht zu sehen. Es wird von der Flagge der Sowjetunion „verschlungen“. Damit kritisiert der Künstler- der sich selbst oft in Afghanistan aufhielt- den damals aktuellen militärischen Einmarsch der „roten Armee“ in das kleine Bergland.

Der „Todesengel von Auschwitz“

Das Portrait von Adolf Hitler, dem „Führer“ des nationalsozialistischen Deutschlands, kennt so gut wie jeder, doch wer waren eigentlich seine „tüchtigsten“ Schergen, die die furchtbaren Verbrechen seines Regimes maßgeblich mitgetragen und/oder begangen haben? Wer kann schon aus dem Stehgreif heraus sagen, wer Josef Mengele war? Christine Borland wollte die Figur Mengeles und seine Rolle im Nationalsozialismus in den Vordergrund rücken. Mengele ging aufgrund seiner grauenhaften medizinischen Experimente an KZ-Häftlingen – er war SS-Arzt- als „Todesengel von Auschwitz“ in die Geschichte ein. Borland sammelte Fotos und Berichte von KZ-Überlebenden, die Mengeles Aussehen schilderten. Anschließend ließ sie eine Büste Mengeles anfertigen, also eine plastische Nachbildung seines Kopfes. Für die Künstlerin war diese Arbeit, welche „Homme Double“ nannte, eine Frage der Geschichtsaufarbeitung.

Phenomenons of a changing World

Die westlichen Gesellschaften waren (und sind nach wie vor) in einem Zustand des ständigen und immer schnelleren Wandels: kulturell, wirtschaftlich und auch sozial. Der Künstler Stephen Willots interessierte sich sehr für diesen Wandel. In seinem 1978er Werk „Learning to live within a confined space“ beschäftigte er sich mit einem neuen Phänomen der damaligen Zeit: dem Beginn des sozialen Wohnbaus. Es ging ihm vor allem darum herauszufinden, wie sich diese neue Art des Zusammenlebens auf die Bewohner auswirkt. Er ging auf zweierlei Arten an das Thema heran: Als Künstler und als Forscher. Um in die Lebenswelten der Menschen eintauchen zu können machte er Interviews mit den Bewohnern und fotografierte sie in unterschiedlichen Alltagssituationen. Aus diesen Fotos setzte er dann sein Werk zusammen.

Zu umfangreich ist die Ausstellung, als dass man sie in voller Fülle auf wenigen Seiten beschreiben könnte. Sie ist allerdings sehr sehenswert und ich lege jedem ans Herz, sich die „Zeit zu Handeln“ unbedingt noch anzusehen.

 auf anderen Webseiten Facebook Twittern Senden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.