Die Hageldrücker im Großeinsatz: Alles reine Handarbeit
Gerüchteweise gibt es alles, von Magneten bis zu Vakuumsaugern, die Hagelschäden wie von Zauberhand verschwinden lassen – “Alles Unsinn!“, sagen die echten Profis.
(gstr). Tausende Fahrzeuge wurden im Großraum Innsbruck vor einem Monat vom Hagel zum Teil schwer beschädigt. Was für etliche Fahrzeughalter ein Ärgernis ist, bedeutet für die professionellen „Hageldrücker“ ein massives Auftragsplus. Die Hagelexperten der VOWA-Innsbruck sind beispielsweise fast bis Weihnachten ausgebucht.
Ein mittelschwerer Hagelschauer kann durchaus verheerende Schäden anrichten. Im Großraum Innsbruck musste man Mitte Juli diese leidvolle Erfahrung machen. Neben der Ernte auf vielen Felder, etlichen Glashäusern und einigen Dachfenstern wurden auch unzählige Fahrzeuge zum Teil schwer beschädigt. Vor allem im Osten der Stadt, in Rum sowie in Thaur und Absam, erreichten die Hagelkörner zum Teil die Größe von Golfbällen. Wer zu diesem Zeitpunkt sein Auto nicht unter Dach stehen hatte, dürfte beim Anblick der verbeulten Karosserie einigermaßen schockiert gewesen sein. „600 Einschläge allein auf dem Dach sind keine Seltenheit“, schildert Christian Standfest, professioneller und derzeit vielgefragter „Hageldrücker“.
Hunderte Fahrzeuge betroffen
Standfest und vier seiner Berufskollegen sind derzeit bei der Firma VOWA in Innsbruck im Dauereinsatz, um Hagelschäden zu beseitigen. Denn das besagte Unwetter zog genau über das VOWA-Gelände hinweg und beschädigte allein dort einige hundert geparkte Neu- und Gebrauchtwägen. „Die Schäden an unseren Fahrzeugen waren dabei noch geringer. Einige hundert Meter weiter waren die Hagelkörner um etliches größer“, schildert VOWA-Betriebsleiter Manfred Hofmann. Mit Christian Standfest pflegt die VOWA seit nunmehr 10 Jahren eine enge Geschäftsbeziehung, wenn es darum geht, Hagelschäden zu beseitigen. „Es gibt viele Spengler, die behaupten, Hagelschäden reparieren zu können. Die Zahl derjenigen, die das wirklich ordentlich machen, ist aber vergleichsweise gering“, betont Hofmann. Und Standfest räumt mit einem weiteren Mythos rund um die Dellenbeseitigung auf: „Immer wieder hört man von Vakuum-Pumpen, welche die Dellen herausziehen bis hin zu Magnetapparaturen, die Schäden wie von Zauberhand verschwinden lassen. Das ist alles Unsinn“, betont Standfest. „Tatsächlich ist die Hagelschaden beseitigung reine Handarbeit und erfordert viel Fingerspitzengefühl und jahrelange Routine“, bestätigt auch Hofmann.
Erster Schritt: Begutachtung
Der erste Schritt jeder Hagelreparatur ist die Begutachtung des Schadens sowie die Erstellung eines Kostenvoranschlages. Hierfür wird ein Viertel der Dachfläche des Fahrzeuges ausgemessen und in diesem Bereich jeder einzelne Einschlag gezählt. „Diese Zahl wird dann auf das komplette Dach hochgerechnet und daraus ein Kostenvorsanschlag erstellt“, schildert Hofmann. Erst wenn dieser Schritt abgeschlossen ist – die Begutachtung erfolgt gemeinsam mit einem Sachverständigen – gehen die „Drücker ans Werk“.
So wenig abbauen wie möglich
Zuerst werden am Fahrzeug alle Verkleidungen gelöst, hinter denen sich die Dellen befinden. Dabei gilt: So wenig entfernen wie möglich. Anschließend geht‘s mit dem Ausbeul-Hebel ans Werk. „Der Ausbeul-Hebel ist unser wichtigstes Werkzeug. Mit ihm wird das Blech im Bereich jeder Beule in seine ursprüngliche Form zurückgedrückt“, erklärt Standfest.
Dabei gehen die Profis äußerst behutsam vor. Jede Delle muss mit kreisförmigen Bewegungen von außen nach innen herausgedrückt werden. „Nur so gelingt es, das Metall in seine ursprüngliche Form zurückzubringen“, erläutert Standfest. Ein echter Profi benötigt mit dieser Methode etwa zwei Minuten für eine durchschnittliche Delle. Ein Amateur wird es hingegen in einem ganzen Tag nicht schaffen, die Delle so zu entfernen, dass nichts mehr zu sehen ist.
An schlechter zugänglichen Stellen kommt schließlich ein anderes Werkzeug zum Einsatz – der sogenannte Gleithammer. „Den Gleithammer verwenden wir nur bei Dellen, die von der Rückseite her nicht erreichbar sind“, betont Standfest. Bei dieser Methode wird zuerst ein kleiner Plastikstift mittels Spezialkleber auf der Delle befestigt. Mit dem Gleithammer wird schließlich der Plastikstift heruntergerissen. Dadurch geht auch das Blech zurück in die gewünschte Form. „Es gibt nur diese beiden Methoden – den Ausbeul-Hebel und den Gleithammer. Alles andere funktioniert nicht“, betont auch VOWA-Betriebsleiter Hofmann. Noch bis Dezember sind die „Hageldrücker“ ausgebucht. Bis dahin werden sie etwa 600 Fahrzeuge repariert haben.

